Skip to main content

Die Geschichte, die dich festhält

Du lügst dich an. Täglich. Und du weißt es.

Es gibt einen Satz, den ich über Jahre immer wieder gesagt habe. Manchmal laut, meistens nur in Gedanken.

„Ich bin doch eigentlich ganz zufrieden."

Und jedes Mal, wenn er kam, fühlte er sich wahr an. Vernünftig. Fast beruhigend.

Bis ich irgendwann gemerkt habe: Das ist keine Wahrheit. Das ist eine Geschichte. Eine sehr gut ausgearbeitete, sehr überzeugend vorgetragene Geschichte, die ich mir selbst erzähle, um nicht hinschauen zu müssen.

Vielleicht kennst du das.


Was Geschichten mit uns machen

Wir sind Wesen, die in Narrativen denken. Unser Gehirn sucht ständig nach Zusammenhängen, nach Erklärungen, nach einem roten Faden. Das ist keine Schwäche, das ist zutiefst menschlich.

Aber genau diese Fähigkeit benutzen wir manchmal gegen uns selbst.

Wir bauen Erklärungen, die uns schützen. Vor Veränderung. Vor Enttäuschung. Vor der Stille, die entsteht, wenn wir aufhören zu funktionieren und anfangen zu fühlen, was wirklich da ist.

Diese Schutzgeschichten klingen nicht nach Ausrede. Sie klingen nach Realismus. Nach Fürsorge. Nach Weisheit.

Und genau darin liegt ihre Kraft und ihre Gefahr.


Die Figuren in dir, die dich festhalten

In meiner Arbeit mit Menschen begegne ich immer wieder denselben inneren Figuren. Nicht als Diagnose, sondern als Muster, die ich auch in mir selbst kenne.

Die Lehrerin sagt dir: Du musst erst mehr wissen. Mehr lernen. Besser vorbereitet sein. Dann kannst du anfangen. Sie hält dich in der ewigen Vorbereitung. Sicher. Kompetent. Und nie ganz angekommen bei dem, was dich wirklich zieht.

Die Retterin sagt dir: Die anderen brauchen dich. Jetzt. Dringend. Und irgendwie immer. Sie gibt dir das Gefühl, unentbehrlich zu sein und verhindert zuverlässig, dass du dich selbst fragst, was du brauchst. Was du willst. Was dich nährt.

Die Saboteurin ist die tückischste von allen. Sie flüstert leise: Du hast es schon zu oft versucht. Du fängst an und hörst auf. Bei dir funktioniert Veränderung irgendwie nicht so richtig. Also wozu überhaupt anfangen?

Alle drei meinen es nicht böse. Sie wollen dich schützen, vor Schmerz, vor Blamage, vor Verlust.

Aber sie halten dich auch fest. Genau da, wo es vertraut ist. Auch wenn es dich längst nicht mehr trägt.


Drei Momente, in denen du dich beim Geschichtenerzählen ertappen kannst

Ich glaube nicht an Selbstkritik als Werkzeug. Was ich für nützlich halte, ist Ehrlichkeit. Die ruhige, nicht wertende Art, sich selbst beim Muster zuzuschauen.

Diese drei Momente kennen viele Menschen und die wenigsten benennen sie:

1. Deine Begründung kommt schneller als dein Gefühl.

Jemand fragt dich, wie es dir wirklich geht. Und noch bevor du auch nur einen Atemzug lang innegehalten hast, sprudelst du Erklärungen heraus. Warum es eigentlich gut ist. Warum das alles normal ist. Warum du das schaffst.

Diese Geschwindigkeit ist kein Zeichen von Klarheit. Sie ist ein Zeichen, dass dein Schutzsystem sehr, sehr geübt ist.

Echte Antworten brauchen einen Moment. Sie kommen nicht sofort.

2. Du weißt immer, wer schuld ist und es bist nie du.

Der falsche Partner. Die schwierigen Kinder. Der Zeitpunkt. Die Umstände. Das alles mag stimmen und ist trotzdem nur die halbe Wahrheit.

Solange die Verantwortung immer draußen liegt, liegt die Veränderungsmöglichkeit auch draußen. Du bleibst Zuschauerin deines eigenen Lebens. Und kannst gleichzeitig nie wirklich etwas daran ändern.

Das ist keine Kritik. Das ist eine Beobachtung. Eine, die ich aus eigener Erfahrung kenne.

3. Du redest über deinen Schmerz, aber du fühlst ihn nicht.

Das ist die subtilste Form. Du kannst stundenlang erzählen, was nicht stimmt. Analysieren, einordnen, historisch herleiten. Du hast Sprache für alles.

Aber Sprache ist nicht dasselbe wie Fühlen.

Wer den Schmerz versteht, muss ihn vielleicht nicht spüren. Und wer ihn nicht spürt, muss nichts verändern. Das ist kein Fehler, das ist ein Schutzmechanismus. Aber er kostet dich etwas. Jeden Tag ein bisschen mehr.


Was hinter den Geschichten wartet

Ich frage dich jetzt etwas. Und ich bitte dich, die erste schnelle Antwort zu ignorieren.

Was weißt du schon längst und erzählst dir trotzdem täglich, dass es nicht so ist?

Nicht was du denkst. Was du weißt.

Tief drin, wo es keine Erklärungen gibt und keine Rechtfertigungen nötig sind.

Da ist etwas. Bei den meisten Menschen ist es kein Geheimnis. Es ist nur sehr gut verpackt. Unter Vernunft. Unter Pflicht. Unter dem, was andere von einem erwarten.

Die Arbeit, meine Arbeit und die Arbeit, zu der ich dich einladen möchte, beginnt genau dort. Nicht mit Techniken. Nicht mit Strategien. Sondern mit der Bereitschaft, die eigene Geschichte anzuschauen. Ohne sie sofort umschreiben zu wollen.

Denn manchmal reicht es, sie zu sehen. Wirklich zu sehen.

Dann verliert sie ihre Macht.


Sabine West und Klaus-Peter Muth sind spirituelle Coaches und Persönlichkeitsentwickler bei HeilZeit21 in Bad Soden am Taunus.

Wir begleiten Menschen, die aufgehört haben, sich selbst zu belügen und anfangen wollen, sich selbst zu begegnen.